Freitag, 14. Oktober 2016
Von: Phil Osof

Cover: Vector Hugo (CC BY-NC-ND 2.0, flickr.com)
 

In Berlin werden bis zum Ende des Jahres alle Stationen von „Call a Bike“ abgebaut. Ab 2017 wird ein anderer Anbieter diese Stellflächen nutzen dürfen, denn der Senat hat den Vertrag mit der Deutschen Bahn nicht verlängert. Nextbike ist am Zug (oder sollte man sagen: am Rad?).

Aus Silber-Rot mach Silber-Blau. Während die Bahn-Tochter „Call a Bike“ die Winterpause einläutet, verschwinden neben den Rädern auch ganze Fahrradstationen nahezu geräuschlos aus dem Stadtbild. Bis zum Jahresende – so ist es mit dem Senat abgemacht – sollen alle der 150 Betonständer abgebaut sein. Das geschieht nicht, weil die Bahn die Idee von weitaus moderneren Stationen umsetzen möchte – sie hat schlichtweg keine Rechte mehr, die Bürgersteige zu bebauen. „Leider können wir unser Call a Bike-Angebot nicht in der bisherigen Form fortführen und sind vom Land Berlin verpflichtet, die Stationen unseres heutigen Systems zurück zu bauen“, erklärte nun eine Rundmail an die Berliner Kunden. „Gleichwohl versichern wir Ihnen, dass wir mit unserem Fahrradvermietsystem mit einem neuen Angebot nach Berlin zurückkehren werden“, geht es in der Mail weiter. Zuvor erklärte die Deutsche Bahn noch, dass eine Fahrradvermietung ohne Zuschüsse aus der öffentlichen Hand nicht machbar sei.

Diese besagten Zuschüsse hat sich aber das Leipziger Unternehmen „Nextbike“ im Vergabeverfahren des Senats verdient. Sie sollten das bisherige Angebot von 150 auf mindestens 175 Stationen mit 1.750 Rädern ausweiten. Dabei ließ sich der neue Anbieter nicht lumpen und vereinbarte sogar 700 Stationen mit insgesamt 5.000 Leihrädern. Ab 2017 wird Berlin dann Projekt prompt zur Fahrradhauptstadt. Vor allem profitieren werden dabei nicht wie zuvor die Touristen, sondern vor allem die Berliner selbst, die zumeist außerhalb des S-Bahn-Rings wohnen – dort aber bislang nur in sehr wenigen Fällen Fahrräder abstellen konnten.

Nextbike: 30.000 Fahrräder in 18 Ländern

Das deutsche Unternehmen mit Sitz in Leipzig wurde 2004 gegründet und expandierte seitdem in mehr als 100 Städte weltweit.

Berlin ist mit 700 Stationen und 5.000 Fahrrädern zwar das größte Leihrad-Projekt in Deutschland, doch weltweit wird es von einem anderen Projekt getoppt. In Indien soll bis Ende 2018 eine weitaus größere Fahrradflotte zum Einsatz kommen. Damit die Pendler in Hyderabad die Distanz zwischen ihrem Heim und der Metro ohne Auto überwinden können, sollen 10.000 nextbikes Abhilfe schaffen.

Das neue Angebot soll also im Frühjahr 2017 an den Start gehen. Direkt zu Beginn werden 200 Stationen mit 2.000 Rädern bereit stehen. Danach soll weiter gewachsen werden. Wer die Fahrräder spontan entleihen möchte, zahlt bei Nextbike bislang einen Euro pro halbe Stunde. Pro Tag bezahlt man maximal 9 Euro. Das ist günstiger als bei der Bahn-Tochter, bei der ein ganzer Tag mit 15 Euro in Rechnung gestellt wird. Beide Anbieter geben ihre Räder in der ersten halben Stunde kostenfrei an Abonnenten ab, die jährlich 50 Euro überweisen. Also bleibt preislich fast alles wie gehabt. Wer aber ganz aufs Auto verzichtet, könnte bei Nextbike bevorteilt werden. So verkündet der Anbieter auf seinem Blog: „Ein besonderes Augenmerk werden wir auf den öffentlichen Nahverkehr legen, der räumlich und tariflich mit unseren Leihfahrrädern verknüpft wird.“ Ob dieses Augenmerk auf einen spürbaren Unterschied im Geldbeutel mit sich bringen wird, wurde noch nicht im Detail verkündet.

Update (05.11.2016)

Erst wollte die Bahn keine weiteren Leihfahrräder in Berlin zur Verfügung stellen. Ein größeres System sei in Berlin nicht rentabel, hieß es. Ohne Zuschuss der Stadt sogar noch viel weniger. Doch für den Senat war das Angebot der DB-Rent namens „Call-A-Bike“ nicht gut genug. Mit den Stationen, die hauptsächlich innerhalb des S-Bahn-Rings existierten, ist nun Schluss.

Plötzlich scheint die Wettbewerbsfähigkeit und die Rentabilität in Berlin doch gegeben zu sein. DB-Rent wird mit einem neuen Partner zurückkehren: Als Lidl-Bike. Weiterhin nur innerhalb des S-Bahn-Rings, ohne feste Stationen und mit 3.500 Rädern (mehr als doppelt so viele wie zuvor) geht sie in Konkurrenz mit dem neuen Anbieter. Das ist ärgerlich für nextbike und auch für den Senat.

Marc-Philipp Schneider (Phil Osof) arbeitet und lebt als Cross-Media-Journalist in Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur von MOVING MAN Infotainment betreut er bei netzwerk recherche die Liveblog-Redaktion. Zuvor arbeitete er unter anderem als Juniorkorrespondent für die Nachrichtenagentur JIJI Press, machte bei Deutsche Welle Station und produzierte diverse Radioformate für Lokalsender.
 

Kommentare & Pingbacks (2)


Ja, Sofia! Ich bin auch schon voller Vorfreude. 😉 Ich fände toll, wenn die Berliner dieses System am Ende auch annehmen und es – wie man es in Hamburg gut beobachten kann – zu mehr Fahrradfahrern und weniger Autoverkehr führt.


Super News. Ich habe Spaß daran, so einen Fahrradservice in Städte wie Rio und Hamburg zu nutzen, und freue mich, dass es jetzt in Berlin besser wird ; )


 

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Cover: © Vector Hugo (CC BY-NC-ND 2.0, flickr.com)

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