Donnerstag, 9. Juli 2015
Von: Phil Osof
 

Schöner Traum, doch lächerlich? Der Architekt Gisbert Dreyer möchte das leerstehende Kongresszentrum ICC durch private Investoren zu einem externen „Terminal A“ des Flughafen BER umbauen. Er schlägt eine untertunnelte Direktverbindung zwischen dem im Westen der Stadt möglichen ICC-Check-ins und dem süd-ostlichen Airport vor. Außerdem soll das gesamt Projekt durch einen ebenso angebundenen weiteren internationalen Flughafen im brandenburgischen Sperenberg erweitert werden. 

In den Zimmern der Berliner Verwaltung wird getuschelt und gekichert, wenn von Dreyers Idee die Rede ist. Ob das ein Scherz sei, wird gefragt, wer das freiwillig bezahlen will und ob man sich vorstellen könne, wie viel so ein Tunnelbau koste. Es sei pure PR für den Architekten, ein absurdes Projekt, das nie umgesetzt werden könne. Doch machen es sich die Damen und Herren aus den Verwaltungskreisen da nicht zu einfach? Ist es wirklich klug, diese Idee einfach so abzuschmettern, ohne sich vor Augen zu führen, dass man sich über die Problematik, auf der sie fußt, in zwei Jahren den Kopf zerbrechen wird?

Zwei Streitfragen wären gelöst

Das Schauspiel um den BER, der einen derzeitigen um 6 Jahre verspäteten Eröffnungstermin für 2017 anberaumt, allerdings schon wieder mit aktuell neuen Pleiten und Pannen zu kämpfen hat, macht die Reaktion der Stadt – wenn schon nicht akzeptierbarer – zumindest verständlicher. Es entstand eine Großbaustelle, die durch Fortschrittlichkeit und Innovation glänzen sollte. Es sollte ein Vorzeigeprojekt werden für gute Planung und Durchsetzung. Es wurde ziemlich genau das Gegenteil erreicht. Natürlich will sich da niemand aus dem Fenster lehnen und ein noch nicht eröffnetes durch ein weiteres Großprojekt ergänzen. Allerdings gibt es weitreichende Gründe, wieso man den vermeintlich doch nicht so simplen Spaziergang zum „modernsten Flughafen Europas“, den Berlin, Brandenburg und Bund im Jahr 2011 starteten, nicht 2017 ohne weitere zusätzliche Planung als Beendet erklären kann.

Dreyer erwartet ein Verkehrschaos, wenn der neue – und dann einzige – Abflugort an der Stadtgrenze von Millionen Passagieren erreicht werden möchte. Die Stadt hat schon heute große Probleme mit der Autobahn und die Anbindung mit der deutschen Bahn wird nicht ausreichend gedeckt sein. Eine Expressverbindung von einem zentralen Punkt in der Stadt wäre also eine Überlegung wert.

Eine auch nicht mehr junge Streitfrage ist die um die Zukunft des ICC-Gebäudes. Man ist sich nicht einig, was man mit diesem alten Kongressgebäude anstellen soll, dass so komplex unterkellert ist, dass ein Abriss ein sehr teures unterfangen ist. Außerdem stellt sich ein eventuell kommender Denkmalschutz in den Weg aller ICC-Kritiker. Auch die Pläne vom neuen Bürgermeister Michael Müller, das International Congress Center auch wieder als Kongresszentrum nutzbar zu machen und es zudem mit Gastronomie und Einkaufsmöglichkeiten zu paaren, ist gar nicht so kostengünstig umsetzbar, wie er es sich vorstellt. Dennoch hat die Stadt eigens für die Zukunft des Gebäudes 200 Millionen Euro berappelt. Sollte sie dem Projekt zustimmen, müsste sie das ICC nur den Investoren kostenfrei zur Verfügung stellen. Das wäre eine Kostenersparnis von 1,5 Millionen Euro im Jahr, die der Leerstand ungenutzt kostet, und ein zusätzliches Taschengeld von den genannten 200 Millionen, die man dann nicht mehr zur Seite legen müsste. Warum das im Rathaus belächelt wird, soll mal einer verstehen.

26 Kilometer in 15 Minuten

Ein ICE vom ICC zum BER würde 15 Minuten brauchen. Dafür möchte Dreyer innerhalb von zwei Jahren einen 14 Kilometer langen Tunnel bis zum Gleisdreieck bauen. Laut dem Architekten würden die Gesamtkosten für ICC-Terminal und Bahnverbindung bei 1,5 Milliarden Euro liegen.

800px-Berlin_-_Park_Kolonnaden_2

Dreyer entwarf ebenso die Park Kolonnaden am Potsdamer Platz … (Foto: Andreas Steinhoff)

800px-Berlin-alt-treptow_treptowers_20050922_441_corr

… und die Treptowers. (Foto: Ranunculoid)

Das Airportterminal wäre also nicht das erste Großprojekt des Architekten. (Foto: Simulation von gdp)

Das Problem mit der Kapazität

Hier hören die Pläne Dreyers allerdings nicht auf. Das wohl bekannteste Problem ist, dass der BER für jährlich 27 Millionen Passagiere konzipiert ist. Man rechnet aber nach der Schließung des schon jetzt überforderten Stadtflughafens in Tegel mit mindestens 30 Millionen Fluggästen im Jahr. Und diese Zahl wird steigen. Eine gerade diese Woche veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung rechnet mit einer stetig steigenden Einwohnerzahl Berlins. Nirgends wächst die Bevölkerung schneller als in der Hauptstadt, die gerade einen internationalen Knotenpunkt schaffen möchte. Und während sie das tut, kommen die Standorte Frankfurt und München an die Grenzen ihrer Ausbaumöglichkeiten. Kurzum: Der BER hat ein Kapazitätsproblem bereits bevor er überhaupt seine Glasfassade für den Besucher öffnet.

Dreyer schlägt vor, neben Terminal A (ICC) und Terminal B (BER) ein weiteres Terminal C anzuschließen. Der ehemalige Militärflughafen in Sperenberg, der ohnehin als besserer Standort für einen internationalen 24-Stunden-Flughafen gehandelt wurde, soll das Kapazitätsproblem mit einem privaten Neubau lösen, den der eifrige Architekt BERII nennt. Alle drei Gebäude sollen zusammen in der Lage sein, jährlich 80 Millionen Passagiere in die Luft zu bringen. Damit wäre Berlin langfristig nun aber wirklich mit dem „modernsten Flughafen Europas“ ausgestattet.

Gekicher hinter vorgehaltener Hand

In Verwaltungskreisen wird viel gelästert und geredet. Niemand aber möchte einen offiziellen Kommentar abgeben, niemand möchte sich von mir zitieren lassen. Anscheinend ist es einfacher, sich dieser enormen Projektidee zu verschließen, sie als absurde Werbemaßnahme abzuwinken, als sich ernsthaft mit den Problemen der Zukunft auseinanderzusetzen.

Wohl wahr: Diese Idee ist größenwahnsinnig. Aber sie ist elegant und sie hat ein Fundament, das reifen kann. Sollten sich Investoren finden, wäre es gar nicht so untragbar, wie die übervorsichtige Politik es scheinen lässt.

Marc-Philipp Schneider (Phil Osof) arbeitet und lebt als Cross-Media-Journalist in Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur von MOVING MAN Infotainment betreut er bei netzwerk recherche die Liveblog-Redaktion. Zuvor arbeitete er unter anderem als Juniorkorrespondent für die Nachrichtenagentur JIJI Press, machte bei Deutsche Welle Station und produzierte diverse Radioformate für Lokalsender.
 

Kommentar verfassen

Cover: Simulation von gdp

Kategorien: Politik & Gesellschaft, Fortschritt & Innovation, Kultur & Lifestyle, Berlin, Berlin
Multimedia: Podcasts, Liveblogs & Livestreams, Newsletter ("Lückenphiller")
Social-Media: Facebook, Twitter, Phil Osof bei YouTube, Phil Osof bei Instagram
mmi.fm: Über mmi.fm, Die Redaktion, Mitmachen, Unterstützen, Impressum & Kontakt
MOVING MAN Infotainment
mit freundlicher Unterstützung
des Wordpress-Teams
© 2007 - 2016